Von:
Susanne Breit-Keßler

e-leid.de

Ein Besuch bei einer Modedesignerin stand an. Sie war in der engeren Wahl derer, die mein Brautkleid für die kirchliche Trauung schneidern sollten. Als ich ihr winziges Atelier betrat, war sie hin- und hergerissen. So schlank, so zierlich, diese Taille, geradezu ideal, ... Ich probierte verschiedene Entwürfe an. Irgendwann kam sie hinter den Vorhang, als ich gerade nahezu unbekleidet war. Beim Anblick der langen, senkrechten Narbe auf meinem Bauch schreckte sie zurück. Die Narbe ist weder besonders furchterregend noch hässlich – aber sie ist da, 16 Zentimeter lang.

Das Lob auf die grazile Kundin unterblieb fortan, das Gespräch verlief etwas unterkühlt. Macht nichts: Mein Kleid wird ein anderer schneidern – ein homosexueller Amerikaner, der den Spuren des Leidens ebenso selbstverständlich - behutsam gegenüber tritt wie den Linien eines Körpers, der unverdrossen und vergnügt in Größe 36 passt. Dorothee Sölle hat es bislang unübertroffen formuliert: “Wir könnten viele Leiden und die Bitterkeit der Leiden vermeiden. Aber nur um einen Preis, der zu hoch ist: wenn wir aufhören zu lieben.“ Vielen ist dieser Preis nicht mehr zu hoch. Sie haben sich verabschiedet von der Sympathie für das ganze Leben.

Man mag nicht, was versehrt, was behindert ist, was vor den brüchigen Beauty-Fitness-Fassaden der Gesellschaft einen scheinbaren Makel darstellt. Immer mehr Menschen mögen nicht einmal an sich selbst, dass sie Mensch sind: Fett wird abgesaugt, Falten unterspritzt, der Busen mit Silikon gepolstert, der Hals bis an die Ohren gezogen. Popstars stürmen im Greisenalter von 39 Jahren die Praxen der Schönheitschirurgen, um sich äußerlich jugendfrisch zu erhalten – bei manchen weiß man schließlich gar nicht mehr, welche unverwechselbare ästhetische Originalität der Schöpfer ihnen ursprünglich zugedacht hatte.

Wenn man schon die Spuren selbst gelebten Lebens einfach weghaben will, was ist dann mit „richtigem“ Leiden, mit dem, das Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer quält und peinigt? Thomas Müntzer meinte in seiner reformatorischen „Fürstenpredigt“ harsch: “Wer den bitteren Christus nicht haben will, wird sich am Honig tot fressen.“ Wer eigenes und fremdes Leiden vermeiden möchte, wird zum bloßen Spaß-Haber oder apathisch. Mit beidem verurteilt er sich und andere letztlich zum seelischen und leiblichen Tod: Um an der Oberfläche zu bleiben oder abzutauchen braucht es alle Kraft – zur Veränderung, zur Überwindung des Leidens fehlt sie.

In dem Maß, in dem Leiden verdrängt wird, verschwindet Leidenschaft für das Leben. Die dumme Devise „lerne leiden, ohne zu klagen“ ist da nicht besser. Leiden schweigend hinzunehmen ändert ebenso wenig wie der Versuch, ihm auszuweichen. Leiden in seiner körperlichen, seelischen und sozialen Dimension – wie es die jüdische Theologin Simone Weil definiert hat – anzunehmen, ist ein aktiver Vorgang. Ein Mensch nimmt eine Krankheit als eigene an, lässt sich vom Elend anderer anrühren, stellt sich auf die Seite derer, die er als Unterdrückte erkannt hat - alles keine passiven, sondern passionierte Aktionen.

Den bitteren Christus in sich und anderen haben, zumindest aber wahrnehmen zu wollen – das bedeutet, aus dem stummen Leiden heraus zu finden zur Klage, die sagt, schreit, weint, was ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Klagen und kämpfen, beten und arbeiten, leiden und verändern – so sieht vernünftiger christlicher Glaube aus.

Bei allem Engagement ist nicht jedes Leiden im Sinne eines Happy-Ends zum Guten hin zu managen. Manches muss getragen werden – wo das der Fall ist, stellt sich aber immer erst heraus. Sich von vornherein zu fügen, die eigene Person und andere Menschen aufzugeben, ist verkehrt und lässt einen umfassend begrenzt zurück. Dostojewski hat in seinen „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ Leiden in seiner vielfachen Gestalt als „einzige Ursache der Erkenntnis bezeichnet“. Ob der Satz in dieser Absolutheit stimmt? Sicher aber wird niemand dadurch weiser, dass er oder sie in sorglos-abgeschiedener Idylle oder im resignativen Rückzug von allem Geschehen zu leben versucht. Realistischerweise gibt es auf Dauer keine Wahl zwischen Leiden und Nicht-Leiden. Es gibt – wenn das Leiden nicht ganz und gar zerstört - nur die Wahl eines unterschiedlichen Umgangs damit. Apathische A-Sozialität ist die eine Möglichkeit. Eine menschenfreundliche, geistreiche und gefühlsstarke Existenz voller Lebens- und Liebesfähigkeit die andere.